Chronik des Hanns-Eisler-Chors -
Ensemble für neue Chormusik e.V.

1972

 8.10. Hanns-Eisler-Abend zu den ersten Kulturtagen für progressive Kunst im Gesellschaftshaus Neukölln.

1973

17.2. Wiederholungskonzert beim VDS-Bundeskongreß in Hamburg
Bildung eines festen Chors: Erarbeitung einer Grundsatzerklärung,
Bildung eines künstlerischen Beirats

 6.7. Gründungskonzert zum 75. Geburtstag von Hanns Eisler im Konzertsaal in der Hardenbergstraße (Platten- und Rundfunkmitschnitt)

Arbeit am Argument-Sonderband 'Hanns Eisler'

 4.11. Kulturtage- Konzert: "Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen." (Hanns Eislers Die Mutter, Uraufführung der Vietnamkantate von Heinz Schreiter)

1974

 4.-6.2. Fernsehaufzeichnung zum 1. Mai beim ZDF

 8.3. Aufführung der „Mutter“ zum Internationalen Frauentag

24.9. Auftritt beim Internationalen Musikwissenschaftlerkongress an der TU

 3.-5.5. Auftritt beim Internationalen Arbeiter-Künstler-Treffen in Braunschweig.

23.4. Konzert zu den Kulturtagen "Krieg dem Kriege" (Komposition von Eisler, Bartók und Fladt)

23.11. Wiederholungskonzert im Festsaal des Ernst Reuter Hauses

15.12. Wiederholungskonzert in der Akademie der Künste

1975

19.2. Wiederholungskonzert "Krieg dem Kriege" im Quartier Latin

29.6. Konzert im Landestheater Kiel (Gegenveranstaltung zur 'Kieler Woche'),

 6.9. Auftritt zum Antikriegstag in Stukenbrock

27.9. Konzert im Audi Max Hamburg im Rahmen der Veranstaltung "Singen heute".

23./24.5. Aufnahme der ersten Langspielplatte beim pläne-Verlag mit Stücken aus der „Mutter“ von H. Eisler

24.10. Solidaritätsveranstaltung für Chile mit den Jungsozialisten Charlottenburg in der Landesbildstelle und der Gruppe "Liberacion americana"

 5.12. Workshop-Konzert zu den Kulturtagen im Gesellschaftshaus Neukölln

1976

15.2. Konzert in der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem

12.4. Konzert "Betrübte Freiheit" in der Philharmonie mit dem chilenischen Komponisten Sergio Ortega

         Hans Werner Henze zu Besuch im Chor

14.12. Veranstaltung mit Amnesty International zu Gunsten von Familien politischer Gefangener in Chile (mit Robert Wolfgang Schnell)

1977

 3.2. und 10.2. Programm "Aus Krähwinkels Schreckenstagen" mit Martin Buchholz im Konzertsaal Bundesallee

13. 3. Wiederholungskonzert

       Verschiedene Auftritte zu Arbeitslosigkeit und Berufsverboten

26.6. Auftritt bei einer Veranstaltung für die Theatermanufaktur

24./25.9. sowie 1./2.10. „Gegenlieder“- Politische Chormusik und Songs der 20er Jahre, Konzerte im Rahmen der 27. Berliner Festwochen in der Akademie der Künste

14.12. Konzert zu Gunsten von Amnesty International mit der Hamburger Gruppe "Hinz und Kunst“ in der Konzertsaal der Hochschule der Künste

1978

      Auftritte in Dortmund und Berlin zu aktuellen politischen Anlässen

 1.7. Auftritt beim Hanns Eisler Festival in der Staatsoper Berlin

17./18.7. Werkstattkonzert zum 80. Geburtstag von Hanns Eisler im Konzertsaal der Staatsbibliothek

28.10. Auftritt bei der Christlichen Friedenskonferenz in der Martin-Luther-Kirche Neukölln

1979

17.2. Auftritt beim Festival des politischen Liedes

10.3. Auftritt mit dem Frauenprogramm „Lobet die Herren“

 3.5. Workshop-Konzert einer Argument-Veranstaltung in der Staatsbibliothek

 2./3.6. Auftritte beim 5. Tübinger Festival Hanns Eisler im Festsaal der Universität

18.6. Auftritt bei einer BdWi-Veranstaltung zur Unterstützung des Heinrich-Heine-Fonds

 9.9. Auftritt zum Antikriegstag in der Gedenkstätte Plötzensee

21.9. Konzert "33" in der Akademie der Künste (aufgeführt bei der FDP Tiergarten, der Christliche Friedenskonferenz, der ÖTV Neukölln/Kreuzberg, den Jusos Charlottenburg)

 8.12. Frauenshow beim ÖTV_Frauenausschuss in der Reformationskirche Tiergarten

 5.10. Auftritt bei der Namensgebung der Carl-von-Ossietzky-Oberschule

1980

 9.-13.1. Tucholsky-Abende unter Beteiligung eines Auswahl-Chors

 9.2. ICC und 10.2. Audi-Max der FU-Berlin Chortreffen gegen Berufsverbote mit verschiedenen Chören aus der Bundesrepublik. Dazu der Plattenmitschnitt "Wenn die Feinde mächtig sind" im pläne-Verlag

25. und 29.6. Programm „Rückkehr zur Natur“
       Frauenprogramm, u.a. in Holland

Workshop an der Volks-Uni

Programm "33" (SPD Zehlendorf)

1. und 5.10. Konzert "Ohne Angst leben" im Rahmen der 30. Berliner Festwochen im Konzertsaal Hardenbergstraße (Uraufführung der Kantate „Ohne Angst leben von Hartmut Fladt )

Großveranstaltung "Künstler für den Frieden" (Metropol-Theater)

1981

10 Tage Tournee durch die Sowjetunion (Moskau, Leningrad, Riga, Vilnius, Kaunas)

Veranstaltung des DGB zum 1. Mai in Frankfurt (Fernsehen und Rundfunk)

Auftritte: Friedendemonstration, Volks-Uni, Künstler für den Frieden (Philharmonie), Dortmund beim 2. Krefelder Forum.
Programm „33“ bei der SPD Zehlendorf im Capitol

1982

"Heißer Frieden", Auftritt im Rahmen des Festivals des politischen Liedes, Berlin (DDR)

"... den Krieg verlieren ..." Konzert zusammen mit der Gruppe IG Blech

Auftritte: "Frauen für den Frieden", Vietnamveranstaltung, Veranstaltung "Künstler für den Frieden" in der Waldbühne, Fest der ÖTV im Volkspark

Wiener Festwochen beim Liederzirkus von ORF/ZDF

Gewerkschaftliches Chortreffen in Recklinghausen

 7.11. Jubiläumskonzert: 10 Jahre Hanns Eisler Chor/Theatermanufaktur/Elefantenpress Galerie in der Theatermanufaktur

13.,26.,27.11. "Nichts Mächtiges ist unser Singen – aber zum Leben gehört es" in der Akademie der Künste

1983

Konzertreise nach Nürnberg

Auftritt bei "Künstler für den Frieden" (im Kino Delphi)

Beteiligung des Chors bei der Aufführung der "Deutschen Sinfonie" von Hanns Eisler mit der Berliner Capella im Großen Sendesaal des SFB anlässlich der Veranstaltungsreihe "50 Jahre Zerstörung der Demokratie"

26./27.11. Konzert "Signale" in der Theatermanufaktur am Halleschen Ufer (Uraufführung der "Signale" von Matthias Spahlinger)

Beteiligung am Kirchweihfest der Passionsgemeinde

28.4. Konzertreise nach Basel und Zürich

1984

"Morgen Kinder wird’s was geben", Programm in der UFA-Fabrik mit der "Leichtton-Gruppe" und der Gruppe "Chuzpe"

1985

ZDF-Sendung "Liederzirkus" mit dem Titel "Berlin im Licht",

 9.3. Stimmbruch –der Hanns Eisler Chor auf Wa(h)lfang in der UFA-Fabrik mit der „Leichttongruppe“ und der Gruppe „Chuzpe“

15. und 16.12. Programm „Es fliegt was in der Luft“ in der Theatermanufaktur mit verschiedenen Uraufführungen (u.a. Uraufführung der "Bleistaubkantate" von W. D. Siebert)

28.11. Wiederholungskonzert in der Petrus-Kirche in Lichterfelde

1986

Mehrere Aufführungen der "Bleistaubkantate", u.a. beim Berliner Sängerbund, im Konzertsaal der HdK und beim Tempelhofer Kulturlustgarten

 9.3. Auftritt bei der Jugendweihefeier des Deutschen Freidenker-Verbandes in der Philharmonie

1987

31.8. Eröffnungsveranstaltung der 37. Berliner Festwochen: "Jüdische Chronik" von Blacher, Dessau, Hartmann, Henze und Wagner-Régeni (zusammen mit dem "Jeunesses- Musicales-Weltorchester")

Aufführung der Kantate "Die Mutter" von Hanns Eisler in der Dahlemer Kirche

1988

Auftritt bei der 1.Mai-Veranstaltung des DGB vor dem Berliner Reichstag

11.6. Teilnahme am Treffen gewerkschaftlich orientierter Chöre in Oldenburg

 9.11. Teilnahme an der Veranstaltung "War’s das" des Luxemburg-Liebknecht-Komitees

1989

18.,19.,25. und 26.2. "Feuer und Flamme" – Musikalische Revü im Hebbeltheater (Uraufführung "Feuer und Flamme" von Michael Ernst-Pörksen, )

8./13./14. 6. Beteiligung an der Piscator-Revue "Hoppla, du lebst", in der Freien Volksbühne

22.10. Auftritt beim Kongress der IG-Metall im ICC

19.11. Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung für Hans Hodek in der Theatermanufaktur am Halleschen Ufer

1990

15.6. Wiederholung der Gedenkveranstaltung in der Humboldt-Universität

27.11. Mitwirkung bei der Aufzeichnung einer alternativen Deutschlandhymne (Brecht/Beethoven/Fladt) für die ZDF-Sendung „Kennzeichen D“

1991

25.2. Beteiligung an einer Veranstaltung des Vereins „Mit uns gegen die Wehrpflicht" mit dem Titel "Klassik gegen den Krieg", zusammen mit Kammermusikgruppen in der Passionskirche

 8.6. Konzert „Gegen das Vergessen“ im Konzertsaal der HdK anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsbeginns zwischen Deutschland und der UdSSR

1992

23.5. Beteiligung an einer Veranstaltung der AL Reinickendorf,

 5.6. Teilnahme an der Volks-Uni in der Humboldt-Universität

12.12. Konzert "Oh Gegenwart" in der Passionskirche mit dem Musagetes-Quintett

 

1993

22.06. Konzert „Vorwärts und nichts ?“ zum 20jährigen Jubiläum des Hanns-Eisler-Chors im Saalbau Neukölln

22.11. Teilnahme an der Jubiläumsveranstaltung des Argument-Verlages anlässlich des Erscheinens des 200. Heftes im Ballhaus Naunynstraße

1994

24.06. Konzert „Konfusion“ mit dem Jazz-Trio "Trio Bardo" im Saalbau Neukölln

17.11. Beteiligung an einer Veranstaltung der Alice-Salomon-Fachhochschule

1995

 7.05. Beteiligung an einer Veranstaltung des ev. Kirchenkreises Neukölln in der Magdalenenkirche anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes mit Inge Deutschkron

28.05. Konzert „Erinnern-Vergessen“ mit der Klezmer-Gruppe "Forszpil" in der Kreuz-Kirchengemeinde Schmargendorf

1996

8. – 10.03. Beteiligung an Symposium, Chortreffen und Konzert in Sprockhövel, veranstaltet von der Chorvereinigung "Chorizonte"

 7.06. Werkstattkonzert „ VORläufiges, ZWISCHENzeitiges und NACHtragendes“ mit Werken von Hanns Eisler und Hartmut Fladt

15.09. Mitwirkung an der Veranstaltung des Berliner Sängerbundes "Singende, klingende Stadt" in der Parochialkirche

10.11. Mitwirkung am Eisler-Fest 1996 der Internationalen Hanns-Eisler-Gesellschaft im bat-Studiotheater

1997

 4.05. Erstes SurprEisler-Konzert mit dem amerikanischen Chor „The Choral Singers of Marin“ ( San Francisco) im Saalbau Neukölln

1998

10.01. Auftritt bei der Auftaktveranstaltung des Kongresses "Bildung und Gesellschaft in der Hochschule der Künste

22.11. Teilnahme an der Veranstaltung „Ideal und Wirklichkeit“ des Berliner Sängerbundes zum 100. Geburtstag von Hanns Eisler im Kammermusiksaal der Philharmonie

4., 5., 6. 12. Jubiläumskonzerte zum 100. Geburtstag von Hanns Eisler und zum 25-jährigen Bestehen des Hanns-Eisler-Chors im Saalbau Neukölln mit Titel "Ach, wir haben uns verloren" (szenisches Chorkonzert)

1999

10. und 11.06. Wiederaufnahme des szenischen Konzerts "Ach, wir haben uns verloren"

2000

24.02.  Auftritt beim Festival des politischen Liedes (Wabe)

25.03. 2. SurprEisler-Konzert mit dem japanischen Komae-Female-Chorus aus Tokyo in der Passionskirche

26.03. Beteiligung an einem Konzert des Akademischen Orchesters und des Machida-Philharmonic-Symphony-Orchestra in der Philharmonie

15.04. 2. SurprEisler-Konzert in der Petruskirche

 2.10. 3. SurprEisler-Konzert mit dem Oldenburger Chor "Buntschuh" in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg

2001

 1.April Konzert mit dem Akademischen Orchester in der Philharmonie

2002

25./ 26.Januar – 4. SurprEisler-Konzert "Begrenzt grenzenlos" mit dem Ensemble "Tityre" im Saalbau Neukölln

5.Oktober – Konzert in Brüssel "Begrenzt grenzenlos" mit dem Brüsseler Brecht-Eisler-Koor

2003

29.November 30-jähriges Jubiläum des Hanns-Eisler-Chors, Konzert in der Philharmonie "So wie es bleibt, ist es nicht"

2005

11./12. März „Die Geister, die wir riefen“; mit den ZEUGSCHLÄGERN
(Leitung: Detlef Franz); Klavier : Gustavo La Cruz; Saalbau Neukölln

2007

2. und 3. März surprEisler 5: Tanz den Hurrikan mit Werken von Weill, Gershwin und Eisler (Woodbury Liederbüchlein); Tanz: Lea Helmstäder, Kathi und Ludo Fourest, Klavier: Tina Arnz; Saalbau Neukölln

2007

11.November. Konzert mit dem AOB und der Lutherkantorei Bonn
Johannes Brahms „Schicksalslied“, Borodin „Polowetzer Tänze“
Großer Sendesaal des rbb

2008

16. Mai Kammermusiksaal der Philharmonie: Konzert zum 110. Geburtstag von Hanns Eisler mit Woodbury-Liederbüchlein (Bearbeitung: Hartmut Fladt; Choreographie: Hans-Georg Lenhart)
Veranstalter: Chorverband Berlin; Chöre: Mädchenkammerchor des Händelgymnasiums, Konzertchor Berliner Pädagogen, Ernst-Busch-Chor

23. Mai Wiederholungskonzert in Bremen Kulturkirche St. Stephani

2009

21./22./28. März Max-Beckmann-Saal:

"Mit allen Wassern gewaschen"; u.a. UA "Wasser" von Oliver Korte

2010

21. Juni Russisches Haus

19. September Max-Taut-Schule

 9. Oktober Bad Lauterberg

"Bird of Passage" - ein Kurt Weill-Programm 

2011

April

Konzertreise in die USA / San Francisco mit dem Programm "Bird of Passage"

2012

10. Juni Kammermusiksaal; Sonntagskonzert des Chorverbandes Berlin: "ImaginEisler" - Hanns Eisler trifft John Lennon...(in Ausschnitten)

27. August Rotes Rathaus; Festakt für Inge Deutschkron zum 90.Geburtstag

 8. September Akademie der Künste; Lange Hanns-Eisler-Nacht der IHEG: "ImaginEisler"

12. September Paul-Löbe-Haus;  Friedrich-Ebert-Stiftung: 100 Jahre Sozialdemokratie

29. September Basel; "ImaginEisler"

30. September Zürich; "ImaginEisler" (gemeinsam mit den Singfrauen Winterthur)

2013

20. Januar  WABE Berlin und

26. Januar PUMPE Berlin

                     "ImaginEisler"

  9. /10. November Akademie der Künste Berlin-Tiergarten; Jubiläumskonzert zum 40.Geburtstag des Hanns-Eisler-Chores

2014

 29. März WABE Berlin und

  6. April Künstlerhof Buch / Kulturscheune; Wiederholung des Jubiläumskonzerts zum 40.Geburtstag

21. Juni Parochialkirche; Fête de la musique

 9. November WABE Berlin; 25 Ständige Ausreise - ein Mauerfall, gemeinsam mit der Sogenannten Anarchistischen Musikwirtschaft

2015

18. April Gedenkstätte Sachsenhausen; "Tag der Begegnungen" anlässlich des 70.Jahrestages der Befreiung des KZ Sachsenhausen

21. Juni Stadtgericht Mitte; Fête de la musique

21./22. November Akademie der Künste Berlin-Tiergarten; "ferne heimat nahe fremde"

2016

23./24. Januar WABE Berlin; Wiederholungskonzerte "ferne heimat nahe fremde"

 8. April Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin; "Die Maßnahme" gemeinsam mit 9 anderen Chören

 

Die Maßnahme - Projektbeschreibung (Stand: Dez. 2015 -Auszug)

 K O N Z E P T

DIE MASSNAHME BRECHT/EISLER/DUDOW
 
BESETZUNG
DER ERSTE AGIGATOR (von dem/derselben Solist/in sind darzustellen: Der Leiter
des Parteihauses, der Kuli, der Händler)
DER ZWEITE AGIGATOR (Der zweite Kuli)
DER DRITTE AGITATOR (Der Aufseher, der Polizist)
DER VIERTE AGITATOR (Der junge Genosse
Gemischter Chor
ORCHESTER
3 Trompeten, 2 Hörner, 2 Posaunen, Klavier, Schlagwerk, 2 paar Pauken, große Trommel,
kleine Trommel, Rührtrommel, Becken, Tamtam
Aufführungsdauer: 1 Stunde 30 Minuten
Der Text stellt die Fassung von 1931 dar
 
 
Berlin, 16. Juli 2015
Empfehlungsschreiben für „Die Maßnahme“
Der Landesmusikrat begrüßt dieses interessante Projekt, weil es unter der aktuellen Lage von
Gesellschaft und Politik bestimmte Zuspitzungen im Lehrstück "Die Maßnahme" bezüglich der
Rolle des Individuums und seiner Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft auf neuartige
Weise zu diskutieren erlaubt und dies auch vor dem Hintergrund seiner Entstehung Ende der
1920er Jahre.
Die geplante Realisierung mit verschiedenen Laienchören, von denen einige in der Tradition der
Arbeiterchöre stehen - das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung wurde
sinnvollerweise in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen -
kommt mit rund 300 Sängerinnen und Sängern zum ersten Mal in der Gegenwart der
Uraufführungssituation zumindest in der Besetzung sehr nahe.
In diesem Sinne begrüßt und unterstützt der Landesmusikrat Berlin das Vorhaben und wünscht
erfolgreiche Ausführung.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Hubert Kolland
 
 
P R O J E K T B E S C H R E I B U N G
DIE MASSNAHME BRECHT/EISLER/DUDOW
 
Die Maßnahme: Exposé
Die Maßnahme“ ist das erste gemeinsame Meisterwerk Bertolt Brechts und Hanns Eislers. Seit
den durch sie initiierten Aufführungen in den 1930-er Jahren ist das Werk nicht wieder mit einem
Chor von 300 SängerInnen auf die Bühne gebracht worden. Brecht verfügte 1956 ein
Aufführungsverbot, das erst 1997 aufgehoben wurde. Parallel nannte er „Die Maßnahme“ sein Stück der Zukunft.
 So ist das Meisterwerk weithin unbekannt. Erarbeitet wird die erste Wiederaufführung mit
einem Chor von 300 SängerInnen.
In Anlehnung an Eisler und Brecht wird dabei zum ersten Mal wieder eine soziokulturelle
Ebene einbezogen. Während in der Uraufführung 1930 drei Berliner Arbeiterchöre sangen,
wird der aktuelle Chor von „Die Maßnahme“ einen Querschnitt der Gesellschaft heute bilden.
Es singen verschiedene Berliner Chöre, Laien aus diversen sozialen Institutionen Berlins,
SängerInnen in singulärer Initiative und ein Gebärdenchor.
Das Singen der Arbeiterlieder und ihrer künstlerischen Weiterentwicklungen wie „Die
Maßnahme“ ist seit 2014 ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes
aufgenommen, das Teil der innerstaatlichen Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur
Erhaltung des Kulturerbes ist: „Mit der musikalisch innovativen Aufnahme und
Weiterentwicklung der Arbeiterlieder durch Kurt Weill, Hanns Eisler und Bertolt Brecht
erreichten sie im deutschen Kulturraum eine hohe künstlerische Entwicklungsstufe, die international
besondere Anerkennung erfahren hat. (...) Das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung
bietet ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Volkskultur in Deutschland immer wieder aus
fortschrittlichen und demokratischen Ansätzen heraus neu gestaltet und interpretiert wurde.
Sie sind über weite Strecken der deutschen Geschichte verboten und unterdrückt worden und konnten
nur unter schweren Bedingungen aufgeführt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Lieder der
Arbeiterbewegung in Deutschland zunächst wiederentdeckt und wieder erlernt werden.“
(Deutsche UNESCOKommission e.V.)1
„Die Maßnahme“ wird als Dispositiv der Auseinandersetzung zur Verfügung gestellt: warum
sind wir zusammen und wie? Wie steht das Individuum in der Gesellschaft? Was kann für den
Aufbau einer gerechten Gesellschaft getan werden? Ein Schwerpunkt liegt auf der
Auseinandersetzung mit und Forschung nach dem Verhältnis von Subjekt und Gesellschaft.
Letztendlich geht es darum „nach einer besseren Möglichkeit“ zu fragen.
(Die Maßnahme, Fassung 1931, Kap.8)
 
Die als Ganzes oder in großen Teilen beteiligten Chöre erarbeiten die Partitur mit ihrer
jeweiligen Chorleitung überwiegend autonom. An „Die Maßnahme“ sind neben den Chören
drei professionelle DarstellerInnen, eine Solistin, acht LaiendarstellerInnen und zehn
OrchestermusikerInnen beteiligt. Für die Proben der DarstellerInnen mit Solistin und für das
Orchester ist vor der Aufführung unabhängig von einander eine konzentrierte Proben-Phase
vorgesehen. Kurz vor der Aufführung werden alle Mitwirkenden zusammengeführt. So werden
die Voraussetzungen für die authentische Konfrontation aller am Aufführungsabend im
Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin Anwesenden mit den durch „Die
Maßnahme“ aufgeworfenen Fragen geschaffen.
Die künstlerische Leitung hat Barbara Nicolier. Durch ihre langjährige Erfahrung in der Arbeit
mit vielköpfigen Ensembles wird das Vorgehen im Probenprozess substanziell begleitet.
Marcus Crome übernimmt die musikalische Leitung. Er dirigierte 1997 die erste offizielle
deutsche Wiederaufführung von „Die Maßnahme“ am Berliner Ensemble und hatte 2008 an der
Volksbühne Berlin die musikalische Leitung und Chorleitung inne. Die szenische Leitung
übernimmt Fabiane Kemmann. In Kooperation mit Katharina Husemann leitet sie außerdem die
Produktion.
Pate der Arbeit ist Jean Ziegler.
Es singen
 
Con Passione, Ensemble Contrapunto, Erich Fried Chor, Ernst-Busch-Chor, Hanns
Eisler Chor, Hard Chor "ELLA", Gebärdenchor, GEBEWO-Brückeladen-Chor, „Die
Maßnahme“-Projektchor mit SängerInnen der werktätigen Volksbühne und SängerInnen in
singulärer Initiative, Chorwerkstatt Schöneberg (in Verhandlung), Chorgemeinschaft Concordia
(einzelne SängerInnen), Berliner Singegemeinschaft Märkisches Ufer e.V. (einzelne
SängerInnen,; RATTEN 07 (einzelne SängerInnen/LaiendarstellerInnen), Türkisch-Deutsche
Musikakademie (einzelne SängerInnen/LaiendarstellerInnen).
Das Orchester wird durch Studierende der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin besetzt.
Das Projekt wird mit freundlicher Unterstützung des Bertolt Brecht Archivs und der deutschen UNESCOKommission
erarbeitet. Es bestehen Kooperationen mit der Philharmonie Berlin
(Probe/Aufführungsort/Freundliche Unterstützung), Landesmusikrat Berlin e.V. (Ideelle
Kooperation, Kooperation Öffentlichkeitsarbeit), (Probenräume/DarstellerInnen / angefragt),
Stiftung Pfefferwerk e.V. (Förderung der abgeschlossenen ersten Versuchsanordnung), Kurt
Schwitters Schule (Proberäume), ZAV/Agentur für Arbeit (Künstlervermittlung/SängerInnen),
Chorverband Berlin (Öffentlichkeitsarbeit), Freie Waldorfschule Berlin-Mitte (Prototyp),
Strassenfeger die Straßenzeitung (Öffentlichkeitsarbeit), Berliner Zeitung/Deutschlandradio
Kultur/3 sat (angefragt), effektiven Multiplikatoren wie der Internationalen Bertolt Brecht-
Gesellschaft, Hanns Eisler Gesellschaft, Förderband e.V. Gesellschaft für Theaterpädagogik
und weiteren. (Ausführliche Auflistung siehe S. 21)
Im Juni 2014 wurde ein Prototyp der Wiederaufführung von “Die Maßnahme” auf die Bühne
gebracht. Die Lesung mit Klavier und Chor fand am historischen Originalschauplatz der
„Großen Diskussion“ des Stücks nach der Uraufführung 1930 statt – in der „Aula
Weinmeisterstraße“. Teile des Chors der werktätigen Volksbühne und einzelne SängerInnen
der ersten Wiederaufführung von 1997 am Berliner Ensemble sangen als Grundchor,
SängerInnen aus sechs verschiedenen Berliner Chören und ein Gebärdenchor kamen hinzu,
SchülerInnen aus 5. – 9. Klassen der Freien Waldorfschule Berlin Mitte in der
Weinmeisterstraße übernahmen die Sprechrollen. Eine Aufzeichnung als DVD liegt vor.
Die Auswertung des Prototypen auf dramaturgischer, künstlerischer, gesellschaftlicher,
ökonomischer und politischer Ebene hat eine solide Basis geschaffen, auf der die
Wiederaufführung von „Die Maßnahme“ in der originalen Besetzung mit 300 SängerInnen
entwickelt wird. Inhalt und Form der Arbeit sind dazu angelegt, die Mitwirkenden miteinander
agieren und sich miteinander auseinandersetzen zu lassen. Was mit dem Meisterwerk heute zu
lernen ist, können nur der Arbeitsprozess und die Aufführung von „Die Maßnahme“ zeigen.
 
Die Maßnahme: Inhalt und Form
In „Die Maßnahme“ stehen drei Darstellerinnen und ein Sopran (/Tenor) dem großen
„Gemischten Chor“ gegenüber. Als die „vier AgitatorInnen“ haben sie in einer Extremsituation
ihren jüngsten Genossen mit dessen Einverständnis erschossen und in eine Kalkgrube geworfen.
Vom „Gemischten Chor“ aufgefordert dies zu rechtfertigen, stellen die Vier dar, wie sich der
„junge Genosse“ in verschiedenen Situationen verhielt und wie er in einer Extremsituation
unbewusst zu einer Gefahr für die gemeinsame Arbeit wurde.
 „Auch ihr jetzt denkt nach über eine bessere Möglichkeit“ wendet sich der „Gemischte
Chor“ an die Zuschauer (Fassung 1931, Kapitel 8/5). Das Lehrstück
spitzt Aspekte gesellschaftlicher Wirklichkeiten zu, um sie zur kontroversen Auseinandersetzung in
den Raum zu stellen.
Dementsprechend war „Die Maßnahme“ in den 1930-er Jahren umstritten und ist es bis heute. Das
Lehrstück ist nicht dazu gemacht didaktisch eine Lehre zu vermitteln, wie es der Name suggeriert.
Mit ihm entwickelten Brecht, Eisler und ihre MitstreiterInnen eine
neue demokratische Spielform. Brecht sieht im Spiel des Lehrstücks eine „Übung.“ Eisler
formulierte: „Jeder Sänger muss sich des politischen Gehalts seines Vortrags bewusst sein und
ihn auch kritisieren können.“
„Im Stück muss es entschieden werden aber es ist nicht gesagt, dass es richtig entschieden ist,
also im Sinne Brechts, sondern das Ergebnis ist es, was zur Diskussion gestellt werden soll.
Das ist ja der Ansatz des Lehrstücks,“ formuliert Peter Villwock über den Manuskripten
Brechts im Bertolt Brecht Archiv. So initiiert und strukturiert das Lehrstück einen
Auseinandersetzungsprozess in Bewegung für eine Vielzahl von Akteuren. Ziel ist die Bildung
politischer Urteilskraft, sozialer Handlungsfähigkeit und sozialer Phantasie. Als Form der
Auseinandersetzung für eine Vielzahl von Akteuren ist das Lehrstück in Vergessenheit geraten.
Zugrunde liegt die Fassung von „Die Maßnahme“ aus dem Jahr 1931.
„Vielleicht ist heute auch wieder so eine Situation wie 1930 als Brecht das Stück geschrieben
hat,“ sagt Peter Villwock, “man weiß, die Verhältnisse können so nicht bleiben und zwar
nirgendwo auf der Welt. Die eine Richtung geht zum Nationalismus und Faschismus, die
andere in Richtung des globalisierten Kapitalismus und beides ist nicht zukunftsfähig, das weiß
man, aber was man tun kann, weiß man nicht. Bisher gibt es die schönen Seelen, die
einfach einen grundsätzlichen Pazifismus verlangen oder es gibt die Agitatoren, die einfach zur
Waffe greifen und die anderen niederknallen und es gibt Idealisten die versuchen mit
friedlichen Mitteln etwas zu bewirken. Was aber da jetzt sinnvoll ist, das weiß man nicht. Wir
sind in einer ähnlichen Situation wie damals. Brecht war vielleicht sogar ein Stück weiter, er
hatte eine Theorie, von der er dachte, sie sei richtig. Wir haben Theorien, Betrachtungsweisen,
aber wie und worauf das hinauslaufen soll, wissen wir nicht. Man weiß eigentlich nur, so wie
es ist, kann es nicht bleiben. Ob die Situation, in der wir sind in absehbarer Zeit akut
weltrevolutionär wird oder ob es noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte so weiter trudelt, weiß
man nicht. Die Fragestellung ist jedenfalls brisant, auch für uns jetzt.“
Indem die Fragen des Meisterwerks in die Gegenwart geholt und an die Gegenwart gestellt
werden, wird das Lehrstück zum Dispositiv. Durch den Schwerpunkt auf der Frage nach der
gegenseitigen Verantwortung von Subjekt und Gesellschaft für einander rücken weitere
einfache Begriffe in den Fokus: Ich und Wir, Singularität, Vielfalt, Armut, Gerechtigkeit,
Wiederstand, Selbstbewusstsein, Einverständnis, Solidarität, Verantwortung, Frieden,
Unterdrückung, Zivilcourage, Gemeinschaft, Gemeingut, Dialektik, Kritik.
Das Projekt „Die Maßnahme“ löst strittige Fragen nicht in Lehren, sondern stellt sie in ihrer
Strittigkeit in den Raum. „Ändere die Welt, sie braucht es,“ gehört zu den bekanntesten Liedern
aus „Die Maßnahme“. Voraussetzung dafür ist es gemeinsam „nach einer besseren
Möglichkeit“ zu fragen.
 
Die Maßnahme: Neue Allianzen
Gegen Ende der 1920-er Jahre verließen Brecht und seine MitstreiterInnen den geschlossenen
Theaterbetrieb. In dieser Zeit entstand die Form des Lehrstücks. Ihr Experiment- und
Übungscharakter erstreckt sich neben Probe und Aufführung auch auf die Suche nach neuen
soziopolitischen und ökonomischen Wegen und Wirksamkeiten für das Medium. „Die
Maßnahme“ ist die erste Zusammenarbeit Brechts und Eislers. Da heute die Arbeit mit dem
Lehrstück in seiner originalen Besetzung und Form keine direkt dafür erschlossene Praxis
vorfindet, müssen Wege des Umgangs mit dieser Sonderform des Musik-Theaters neu
erschlossen werden. Wer sind die Stimmen von „Die Maßnahme“ heute? Eine substanzielle
Auseinandersetzung mit dem Meisterwerk verlangt nach neuen Allianzen.
 
Die Maßnahme: Initiative „Die Maßnahme“
 Künstlerische Leitung: Barbara Nicolier (Paris)
Musikalische Leitung: Marcus Crome (Berlin)
Szenische Leitung: Fabiane Kemmann (Berlin)
Produktionsleitung: Fabiane Kemmann mit Katharina Husemann (Berlin)
Bühne/Kostüm: N.A.
Barbara Nicolier erarbeitete in sieben Jahren zehn Inszenierungen mit vielköpfigen Ensembles
in Kooperation zwischen der Univeristé Paris Panthéon Sorbonne und dem Théatre National de
La Colline. Sie inszenierte am Théatre de Vidy Lausanne, TGP-CDN de Saint Denis und
Schauspielhaus Salzburg. Weitere Arbeiten entstanden in Spanien, Monténégro, Za-Koenji
(Tokyo) und Deutschland.
Marcus Crome übernahm nach dem Dirigat der ersten offiziellen Wiederaufführung von „Die
Maßnahme“ 1997 am Berliner Ensemble die musikalische Leitung und Chorleitung unter
anderem für Einar Schleef, Frank Castorf, Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer, Claus
Peymann und Christoph Mehler.
Fabiane Kemmann engagierte sich für Theaterarbeit gegen Kinderarbeit bei „Children in
Need“ in Accra/Ghana, schrieb unter anderem für die Box des Deutschen Theaters Berlin und
war Regie- und Dramaturgie-Mitarbeiterin Dimiter Gotscheffs in seinen letzten Inszenierungen.
Katharina Husemann ist Gründungsmitglied von schloss bröllin e.V. Seit 1996 realisiert sie
Festivals, Symposien, Tanz- und Theaterprojekte, künstlerische Aktionen und soziokulturelle
Projekte als Produzentin, Projektleiterin, Beraterin und Mitarbeiterin. Seit 2008 betreibt sie den
Kulturraum K-Salon in Berlin.
 
Die Maßnahme: Besetzung
 Dreihundert SängerInnen
„Die Maßnahme“ gehört zu den bedeutendsten Kompositionen Hanns Eislers. Die Partitur
evoziert reiche Elemente der klassischen und geistlichen Musik wie die Passionsoratorien
Johann Sebastian Bachs, Händels Oratorium Israel in Ägypten, sie zitiert Varieté-Musik der 20-
er Jahre und geht bis hin zu Elementen des klassischen Jazz. Die Verwendung von
Eingangschor, Arien, Rezitativen, kanonischen und homophonen Chorsätzen sind im Vergleich
zu den anderen Lehrstücken Brechts einmalig.
Eisler und Brecht komponierten und texteten das Meisterwerk im Hinblick darauf, ein Stück zu
schreiben „für diejenigen, für welche es bestimmt ist, und die alleine eine Verwendung dafür
haben: von Arbeiterchören, Laienspielgruppen, Schülerchören und Schülerorchestern, also von
solchen, die weder für Kunst bezahlen, noch für Kunst bezahlt werden, sondern Kunst machen
wollen.“ In der Uraufführung sangen drei Berliner Arbeiterchöre zum Teil mit ungeschulten
Stimmen und ohne Kenntnis von Notenschrift. Sie waren bis spät in die Nacht beschäftigt, da
die Mitglieder tags zum Teil arbeiteten. Die Uraufführung fand um Mitternacht vom 13./14.
Dezember 1930 in der ehemaligen Berliner Philharmonie in der Bernburger Straße statt.
Die ArbeitersängerInnen-Bewegung zählte vor 1933 eine halbe Million SängerInnen. Nach
1945 gehörte sie zur zerstörten Vielfalt Berlins. Mit 300 SängerInnen wird das Projekt den
Aufführungen der ArbeitersängerInnen-Bewegung von 1930 zum ersten Mal wieder zumindest
nahe kommen.
Der „Gemischte Chor“ in „Die Maßnahme“ steht wie die DarstellerInnen im Spannungsfeld der
Auseinandersetzung mit den Fragen des Stücks. Er diskutiert, kommentiert, streitet sogar mit
den DarstellerInnen und wendet sich auch an dieZuschauer. Der Chor nimmt verschiedene
gesellschaftliche Rollen ein, er singt aus der Perspektive der ausgebeuteten Reiskahnschlepper,
des Parteigerichts, der streikenden Arbeiter oder der „vier Agitatoren“.
Die etablierten Chöre erarbeiten die Partitur mit Ihren ChorleiterInnen an ihrem jeweiligen
Probenort unabhängig von einander. Einige Chöre öffnen ihre Proben zu „Die Maßnahme“, besuchen einander um zu singen und
nehmen sozial benachteiligte in ihre Mitte. Auf diese Weise finden die Proben an
verschiedenen öffentlichen Orten Berlins statt und es entsteht eine außergewöhnliche
Beweglichkeit. In der sozialen Einrichtung „Brückeladen“ der GEBEWO-sozialen Dienste
Berlin gGmbH wurde ein Projektchor neu gegründet, in dem sozial benachteiligte und
erfahrenere Laien-SängerInnen gemeinsam singen und neben der Chorleitung von
qualifizierten SozialarbeiterInnen begleitet werden. Neben Marcus Crome begleitet Stelios
Chatziktoris den „Gemischten Chor“ als Ganzen.
 
Die Maßnahme: Der „junge Genosse“
Es existiert ein Bericht von Fritz Sternberg, nach dem Bertolt Brecht dem „Blutmai“ am 1. Mai
1929 aus einem Fenster im Berliner Wedding zusah. Die innenpolitische Lage war so
aufgeheizt, dass es trotz Demonstrationsverbots in den Straßen zu Kundgebungen und Unruhen
kam. Dabei wurden viele Demonstranten und Passanten durch die Polizei getötet. Dem Bericht
zufolge erbleichte Brecht als er Zeuge dessen wurde und sank auf einem Stuhl zusammen.
Einige Zeit später finden sich in seinem Notizbuch Aufzeichnungen aus denen sich
„Die Maßnahme“ entwickelte.
Der „junge Genosse“ reagiert spontan auf Elend, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, lässt sich
von Mitgefühl leiten, empört sich, begehrt auf, ist nicht in der Lage rein taktisch vorzugehen. In
einer entscheidenden Extremsituation handelt er ohne sich mit den „vier
Agitatoren“ abzustimmen. Zuletzt stimmt er ihnen darin zu, dass er die gemeinsame Arbeit
gefährde. Er gibt sein Einverständnis dafür – der Punkt wurde durch Brecht in den
verschiedenen Fassungen von „Die Maßnahme“ mehrmals umgearbeitet – durch sie erschossen
und in eine Kalkgrube geworfen zu werden.
Die möglichen Lesarten dieser Theatervorgänge und die daraus zu ziehende
Schlussfolgerungen waren zur Zeit der ersten Aufführungen von „Die Maßnahme“ umstritten
und sie sind es bis heute.
Die Figur des „jungen Genossen“ wird teilweise mit einer professionellen Sopranistin besetzt.
Sie verfügt über Erfahrung als Darstellerin und ist in der Lage sich in herausragender Weise
sprechend und singend als Teil der Vielfalt des „Gemischten Chors“ und in singulärer Initiative
Gehör zu verschaffen. Darüber hinaus wird die Figur des „jungen Genossen“ teilweise von drei
professionellen DarstellerInnen und Laien übernommen und unterstützt. Die Verteilung der
Texte wird im Probenprozess eruiert.
 
Die Maßnahme: Vier AgitatorInnen
Die „vier Agitatoren“ berichten die Ereignisse um den „jungen Genossen“ vor dem
„Gemischten Chor“ und den Anwesenden im Rückblick - aus einer Zukunft, der Brecht und
Eisler 1930 hoffnungsvoll entgegensahen, die sie sich vorstellten und die sie nicht kannten.
Für die Proben der DarstellerInnen mit Solistin ist eine Kooperation mit einem Berliner
Theater in Verhandlung. Alternativ zum Ensemble des Kooperierenden Hauses sind die
SchauspielerInnen Hermann Beyer, Roch Leibovizi und Almut Zilcher angefragt. Die Proben
der bis zu 27 Laien-DarstellerInnen beginnen im Januar in Kooperation mit dem
Jugendzentrum Weinmeisterhaus. Unter den Mitwirkenden sind SchülerInnen der 6.-9. Klassen
der Freien Waldorfschule Berlin Mitte, die Obdachlosentheatergruppe RATTEN 07 und
Studierende der Türkisch-Deutschen Musikakademie. Vor der Aufführung finden gemeinsame
Proben der professionellen und Laien-DarstellerInnen statt.
In der Uraufführung von „Die Maßnahme“ 1930 hatte der junge Slatan Dodow die szenische
Leitung inne. In Anlehnung an diese historische Präfiguration übernimmt heute Fabiane
Kemmann die szenische Leitung und Barbara Nicolier begleitet diesen Prozess.
 
Die Maßnahme: Zehn MusikerInnen
Das Orchester von „Die Maßnahme“ setzt sich aus drei Trompeten, zwei Hörnern, zwei
Posaunen, Klavier und Schlagwerk - zwei Paar Pauken, großer Trommel, kleiner Trommel,
Rührtrommel und Tamtam - zusammen. Die Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin hat die
Besetzung des Orchesters mit Studierenden unter der ehemaligen Direktion von Frau Professor
Wollenweber zugesagt und unter der neuen Direktion von Professor Ehrlich sehr befürwortet.
Alternativ stehen MusikerInnen einer Theaterbetrieb-internen Inszenierung von „Die
Maßnahme“ in der Volksbühne 2008 zur Verfügung, welche die Partitur kennen.
 
Die Maßnahme: Ästhetik
„Aufführungen von „Die Maßnahme“ in der originalen Besetzung sind nötig, weil nur in ihnen,
in der Einheit von Bühne, Schauspiel und Musik, das komplexe Kunstwerk erkennbar
Die heutige Aufführung von „Die Maßnahme“ orientiert sich am Modell der
Uraufführung von 1930, das in die Gegenwart geholt wird. So ist das Projekt „Die Maßnahme“ Modell für die
Wiederaneignung des Lehrstücks in seiner originalen Form, einer Sonderform des Theaters, die seit 1933-1945
„zerstörte Vielfalt“ ist. Die Aufführung wird ästhetisch arm gehalten, Rollen werden teilweise von
Fragment zu Fragment, von Kapitel zu Kapitel gewechselt.
Vor allem die Sopranistin wird auf Grund ihrer stimmlichen und darstellerischen Voraussetzungen
in der Lage sein, eine singuläre Spur durch den Raum zu ziehen. Sie und die anderen
AkteurInnen zeichnen die flüchtige Spur der Aufzeichnungen Brechts durch die Zeit.
Die Freifläche in der Mitte des Kammermusiksaals der Philharmonie Berlin ist das
darstellerische Zentrum, das Orchester spielt dort, die Chöre singen ebenda und im Saal.
Sparsame Mittel des Kostüm- und Bühnenbilds, wie ein Podest zur Verstärkung der
Spielfläche und Masken, können zum Einsatz kommen. Eine einfache Saalbeleuchtung ist
verabredet. Sprache, Rollen und Musik werden nicht als Mittel zur Festschreibung von Figuren eingesetzt
sondern zur Erforschung und Konturierung der Frage nach einer „besseren Möglichkeit“.
 
Die Maßnahme: Kooperationen
Pate der Arbeit: Jean Ziegler
Mit freundlicher Unterstützung:
Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste Berlin,
Deutsche UNESCO-Kommission e.V.,
Reiner Steinweg,
Internationale Brecht-Gesellschaft
Kooperationen:
Berliner Chöre 
Berliner Philharmonie (Aufführungsort, Öffentlichkeitsarbeit),
Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin (Orchesterbesetzung, Vgl. S. 28),
Internationale Hanns Eisler Gesellschaft (Inhaltliche Begleitung der InstrumentalistInnen der
Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin),
Berliner Theater (Darstellerinnen, Proben, Veranstaltung „Große Diskussion“, angefragt),
GEBEWO-soziale Dienste Berlin gGmbH (Unterstützung von Mitwirkenden aus sozialen
Einrichtungen)
‚Diakonie. Für Vielfalt in der Nachbarschaft’ (Förderung von Mitwirkenden aus sozialen
Einrichtungen)
Bundearbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (Förderung des GEBEWO-Brückeladen-Chors,
Veranstaltung einer unabhängigen Versuchs-Anordnung als Lesung mit Klavier und drei
Chören am 11.11.2015 um 12.50 Uhr auf dem Pariser Platz mit „Kap. V Was ist eigentlich ein
Mensch“ und vier Liedern aus „Die Maßnahme“, im Rahmen von „Solidarität statt
Konkurrenz“),
Bezirksamt Mitte von Berlin (Förderung der unabhängigen Versuchsanordnung von „Die
Maßnahme“ am 11.11.2015),
Landesmusikrat Berlin e.V. (Öffentlichkeitsarbeit, ideelle Unterstützung),
Chorverband Berlin (Öffentlichkeitsarbeit, Vermittlung),
Internationale Hanns Eisler Gesellschaft (Inhaltliche Begleitung der InstrumentalistInnen der
Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin),
ZAV/Agentur für Arbeit (Künstlervermittlung/SängerInnen),
Kurt-Schwitters-Schule (Proberäume),
Stiftung Pfefferwerk e.V. (Proberäume / Förderung des Prototyps),
Freie Waldorfschule Berlin-Mitte (Arbeit mit SchülerInnen, Aufführungsort Prototyp „Die
Maßnahme“),
Weinmeisterhaus (Prototyp „Die Maßnahme“, Vermittlung von Jugendlichen)
Medienpartnerschaften/Öffentlichkeitsarbeit (Vgl. S. 22):
Philharmonie Berlin (Ankündigung),
Musikrat Berlin (Kooperation Öffentlichkeitsarbeit),
Strassenfeger die Straßenzeitung (Medienpartner),
Chorverband Berlin (Kooperation Öffentlichkeitsarbeit),
Zeitschrift für Theaterpädagogik (Medienpartner)
„Die Maßnahme“-Blog“,
Taz, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Deutschlandradio Kultur, öffentlich rechtliche
Fernsehanstalten und weitere (werden angefragt).
MultiplikatorInnen: Berliner Chöre und soziale Einrichtungen, Internationale Bertolt Brecht
Gesellschaft, Internationale Hanns Eisler Gesellschaft e.V., Förderband e.V.,
Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, Gesellschaft für Theaterpädagogik,
Chorverband, Pfefferwerk e.V., Rosa Luxemburg Stiftung und weitere.
Bezirksamt Berlin Mitte
Stiftung Pfefferwerk
 
Die Maßnahme: Zeitplan
Kraft der Stimmen im Prozess
Ab Januar 2016 werden die Berliner Chöre die Partitur mit ihrer Chorleitung an ihrem eigenen
Probenort selbstständig und unabhängig von einander einstudieren. Dabei stehen die
Mitwirkenden der Initiative „Die Maßnahme“ und MitarbeiterInnen als AnsprechpartnerInnen
zur Verfügung. Im Januar findet ein Treffen aller ChorleiterInnen und der Initiative „Die Maßnahme“ und
MitarbeiterInnen statt. Interessierten SängerInnen und TeilnehmerInnen aus sozialen Einrichtungen stehen
vornehmlich zwei „Die Maßnahme“-Projektchöre offen: der neu gegründete Chor des DEGEWO-Brückeladens
Schöneweide (DEGEWO-Brückeladen-Chor) und der 2014 gegründete Die Maßnahme-Projektchor, der ursprünglich aus
SängerInnen des Chors der werktätigen Volksbühne und SängerInnen des Prototyps von „Die Maßnahme“ besteht.
Interessierte SängerInnen können sich darüber hinaus auf die mitwirkenden Chöre verteilen.
Die Parallelität der Proben und die Vielfalt der öffentlichen Räume an welchen sie stattfinden,
ist einer von mehreren Wegen im Prozess der Erarbeitung von „Die Maßnahme“ mit
öffentlichen Ressourcen zu experimentieren. Parallel zu den Proben der Chöre werden die
Mitglieder der Initiative „Die Maßnahme“ das Konzept verfeinern und die Aufführung
vorbereiten. Für die Darstellerinnen und Darsteller mit Solistin ist vor der Aufführung eine
konzentrierte Proben-Phase von drei bis vier Wochen vorgesehen. Die Proben des Orchesters
finden in der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin unter der Leitung der Hochschule statt.
 
Die Maßnahme: Konfrontation
Kurz vor der Aufführung kommen die Mitwirkenden zusammen: Am 19./20.03.2016 und
02./03.04.2016 treffen die verschiedenen Berliner Chöre in der Aula der Kurt Schwitters Schule
aufeinander. (...) In der Generalprobe (GP) am 08.04.2016 treffen der große Gemischte Chor, das Orchester,
DarstellerInnen und Solistin im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin aufeinander. Das kompakte
Vorgehen wird durch die Erfahrungen der Initiative „Die Maßnahme“ während der Realisation des Prototyps und
die langjährige Erfahrung der künstlerischen Leiterin Barbara Nicolier in der Arbeit mit
vielköpfigen Ensembles ermöglicht und substanziell begleitet. So werden die Voraussetzungen
für die einmalige, authentische Konfrontation aller Beteiligten – des Gemischten Chores, des
Orchesters, der DarstellerInnen, der Sopranistin und des Publikums - mit den durch „Die
Maßnahme“ aufgeworfenen Themen und Fragen in der Aufführung am Abend des 08.04.2016
im Kammermusiksaal der Philharmonie geschaffen.
 
Die Maßnahme: Aufführung
Die Uraufführung von „Die Maßnahme“ fand um Mitternacht am 13./14. Dezember 1930 in
der ehemaligen Berliner Philharmonie in der Bernburger Straße statt. In Anlehnung an den Ort
der Uraufführung ist die Premiere am 8. April 2016 im Kammermusiksaal der Philharmonie
Berlin angesetzt.
 
Die Maßnahme: Inhaltliche Begleitung
Die inhaltliche Begleitung des Probenprozesses und der Aufführung von „Die
Maßnahme“ findet auf drei Ebenen statt.
In Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung, der Universität Leipzig und mit dem Brecht-,
Friedens- und Konfliktforscher Dr. Reiner Steinweg.
Ausgehend von einem Experiment des „Grundchors“, welches „’Die Maßnahme’ als
Instrument politischer Bildung für Einheimische und Flüchtlinge“ heißen wird, wird die
Rosa Luxemburg Stiftung das Projekt inhaltlich begleiten. Dabei wird Wert auf das von
der Bundeszentrale für politische Bildung formulierte Kontroversitätsgebot gelegt.
„Die Maßnahme“ wird von Studierenden – voraussichtlich von der Universität Leipzig
unter der Leitung von Professor Heeg - inhaltlich begleitet. Barbara Nicolier und
Fabiane Kemmann werden einen für Flüchtlinge und ehemalige Obdachlose offenen,
praktischen und theoretischen Workshop an der Universität geben, Studierende werden
sich an der Projektdokumentation beteiligen und eine Ausstellung zur „vergessenen
Opfergruppe“ der vernichteten Arbeiter(sängerInnen)-Bewegung vorbereiten, welche
die Aufführung von „Die Maßnahme“ am 8. April begleiten wird.
3. Der Brecht- und Friedensforscher Reiner Steinweg wird als eventuell auch während der
Aufführung Fragen stellender Laien-Darsteller in die Aufführung und so auch in den
Probenprozess der DarstellerInnen eingebunden. Er hat aus intensiver Forschung zum
Lehrstück als Sonderform des Theaters eine Methode zur Gewaltprävention entwickelt,
zahlreiche Publikationen dazu herausgegeben und ist der verdienteste Forscher speziell
zu „Die Maßnahme“.
Die Förderung der inhaltlichen Begleitung ist bei der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und
Zukunft“ im Förderprogramm zur Erinnerung an NS-Zwangsarbeit und vergessene Opfer, beim
Bezirkskulturamt Mitte und bei der Landeszentrale für politische Bildung beantragt.
9a. Die Maßnahme: Prototyp 14. Juni 2014 Am 14. Juni 2014 wurde am historischen
Originalschauplatz der „großen Diskussion“ nach der Uraufführung 1930 ein Prototyp des Projekts „Die
Maßnahme“ aufgeführt. SchülerInnen der 6.-9.Klassen der Freien Waldorfschule Berlin Mitte
übernahmen die Sprechrollen. Es sangen SängerInnen des Chors der werktätigen Volksbühne und
SängerInnen in singulärer Initiative aus sechs verschiedenen Berliner Chören.
Die Lesung mit Klavier und Chor wurde öffentlich gefördert
von der Stiftung Pfefferwerk e.V. Eine Aufzeichnung als DVD liegt vor.
 
Die Maßnahme: Multi-Chor-Prototyp 11. November 2015
Auf dem Pariser Platz experimentierten am 11. November 2015 im Rahmen der von der
Bundesarbeitsgemeinschaf Wohnungslosenhilfe veranstalteten Kundgebung „Solidarität statt
Konkurrenz - entschlossen handeln gegen Wohnungslosigkeit und Armut“ vier Chöre mit der
Möglichkeit spontan zusammen zu kommen: der GEBEWO-Brückeladen-Chor, der „Die
Maßnahme“-Grundchor, der HardChor ELLA und der Politchor. Hinzu kamen TeilnehmerInnen der
Fachtagung „Solidarität statt Konkurrenz – entschlossen Handeln gegen Wohnungslosigkeit
und Armut“ der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und Darstellerinnen der
Obdachlosentheatergruppe RATTEN 07. Gemeinsam setzten sie singend und spielend ein
Zeichen gegen Armut, Wohnungslosigkeit und jede Art der Diskriminierung. Die enorme
menschliche Vielfalt der Chöre und die Spontaneität ihres Zusammenkommens nach nur
wenigen unabhängig organisierten Probenwochen wurden zum Ausdruck von sozialer Fantasie
und gelungener Integration. Im Mittelpunkt standen Text und Musik aus „Kapitel V: Was ist
eigentlich ein Mensch?“ Der unabhängige Chor-Prototyp war gefördert aus Mitteln des
Bezirksamts Mitte von Berlin, der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, des
diakonischen Werks und der GEBEWO – soziale Dienste - Berlin gGmbH.
 
Die Maßnahme: Öffentlichkeitsarbeit
Die Öffentlichkeitsarbeit übernimmt Antje Grabenhorst.. Sie bringt langjährige Erfahrung in
der Öffentlichkeitsarbeit mit und zum Projekt „Die Maßnahme“ passende Kontakte. Die
Veranstaltung wird durch die Philharmonie Berlin angekündigt, der Landesmusikrat Berlin
kooperiert in der Öffentlichkeitsarbeit. Der Blog „Die Maßnahme“ veröffentlicht ab Januar
2016 maßgebliche und alltägliche Stimmen zu „Die Maßnahme“. Medienpartner ist die
Straßenzeitung Strassenfeger. Diverse Berliner Zeitungen und Magazine werden einbezogen,
taz (angefragt), Süddeutsche Zeitung (angefragt) und Deutschlandradio Kultur (angefragt). Im
Januar wird Material in Form einer Mappe und DVD an Print-, Film und Radio-Redaktionen
geschickt. Der Chorverband, die Internationale Hanns Eisler Gesellschaft, die Internationale
Bertolt Brecht Gesellschaft, Förderband Kultur e.V., die mitwirkenden Chöre und weitere sind
effektive Multiplikatoren. In Anlehnung an die durch Brecht und Eisler begründete Tradition
der „Großen Diskussion“ (nach der Premiere von „Die Maßnahme“ am 22. Dezember 1930 in
der „Schulaula Weinmeisterstraße) findet im Anschluss an die Aufführung am 8. April 2016
voraussichtlich eine große Diskussion statt (Deutsches Theater Berlin angefragt.)
 
Die Maßnahme: Schluss
Soziale Fantasie und Fortschritt
„Die Maßnahme“ ist – ähnlich der Meisterwerke etwa eines Aischylos oder Shakespeare – ein
Stück aus einer anderen Epoche, das nach einer zeitgemäßen Lesart und Herangehensweise
verlangt. Das Anliegen Bertolt Brechts, „wissenschaftlich einen Skandal zu organisieren“,
damit die „große Diskussion“ über gesellschaftliche Verhältnisse in Gang gesetzt wird, ist mit
„Die Maßnahme“ in beeindruckender Weise verwirklicht worden und wird in die Gegenwart
geholt.
Symbolisiert wird diese Verbindung durch die historischen Originalschauplätze des Projekts
Weiterhin markiert das Meisterwerk wesentliche und hochaktuelle Einflussfaktoren
gesellschaftlicher Prozesse. Durch seine inhaltlichen Fragen und durch die Fragen, welche die
komplexe Besetzung des Lehrstücks an die Gesellschaft der Gegenwart stellt, ist „Die
Maßnahme“ gerade in unserer heutigen Situation ein Instrument der Innovation, das
unbekannte Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns birgt.
Die ArbeitersängerInnen-Bewegung gehört zur zerstörten Vielfalt Berlins. Der Humus, in dem
sich „Die Maßnahme“ entwickelte, wie „ein Kristall in einer gesättigten Lösung“, existiert
nicht mehr. Das Singen der Lieder der ArbeitersängerInnen-Bewegung ist jedoch seit 2014
immaterielles Kulturerbe. Um es in Form dieses Meisterwerks in der originalen Besetzung in
die Gegenwart zu holen, braucht es neue Allianzen - engagierte KooperationspartnerInnen.
Die ‚Initiative "Die Maßnahme"’ verbindet die mittels des Lehrstücks gestellte Frage "nach
einer besseren Möglichkeit". Im Rahmen der Realisation des Projekts wird kulturelle
Diskriminierung praktisch durchbrochen und mit den Möglichkeiten von kreativer Nutzung
öffentlicher Ressourcen experimentiert. Indem das aufwendige Aufführungskonzept von 1930
in die Gegenwart geholt wird, wird das komplexe Kunstwerk wieder erkennbar und Bertolt
Brechts „Große Diskussion“ wird aufgegriffen, neu initiiert und weitergeführt.
Das Projekt „Die Maßnahme“ ist prädestiniert dazu, zum Modell der Wiederaneignung des
Lehrstücks als Instrument eines ganzheitlichen Auseinandersetzungsprozesses für eine Vielzahl
von Akteuren zu werden – zum Instrument der gesellschaftlichen Analyse, der sozialen
Fantasie und des Fortschritts. Gleichzeitig kann "Die Maßnahme" Modell für die
Wiederverankerung der in Deutschland kurz vor der Regression in den Nationalsozialismus
gesamtgesellschaftlich geführten Auseinandersetzung um gesellschaftliche und demokratische
Werte im heutigen öffentlichen Bewusstsein sein.
Die singulären Stimmen, welche „Die Maßnahme“ einstudieren, werden im Probenprozess in
kritischer und absehbar kontroverser Auseinandersetzung mit den Fragen von „Die
Maßnahme13 aus ihrer Singularität heraus zu einem in Vielfalt/Vielstimmigkeit konzentrierten
Klangkörper vereint. Stille Gruppen sozial benachteiligter werden in die Mitte der Chöre
aufgenommen. Der gemischte Chor wird gegen Ende des Probenprozesses und in der
Aufführung durch DarstellerInnen und Solistin immer wieder mit singulären Stimmen
konfrontiert. Am Abend der Aufführung sind die Anwesenden in der Auseinandersetzung mit
den Fragen von „Die Maßnahme“ zur selbstständigen kritischen Auseinandersetzung und zu
einem starken gemeinsamen Erlebnis vereint.
In Anlehnung an Brecht und Eisler wird es wie 1930 zunächst eine Aufführung geben. Eine
Wiederaufnahme in Kooperation mit europäischen Partnern ist anvisiert, um die Fragen von
„Die Maßnahme“ auf ein weitere Ebene hin zu erweitern.
Inhalt und Form sind dazu angelegt, die Beteiligten miteinander agieren, sie miteinander nach
Heute fragen, sie Heute erkennen, Heute verändern und Totalitären und Diskriminierenden
Tendenzen jeder Art entgegentreten zu lassen.
 
Die Maßnahme: Finanzierung
Das Projekt „Die Maßnahme“ ist inoffiziell gemeinnützig und zielt nicht auf Wirtschaftlichkeit.
Die entlohnten Mitwirkenden erhalten unabhängig von ihrer Qualifikation einen ähnlichen
Lohn. Zusätzlich zu finanzieller Förderung wird die Arbeit basierend auf Solidarität mit dem
Projekt realisiert. Mitwirkende engagieren sich innerhalb des Projekts ihren singulären
Fähigkeiten und Interessen entsprechend in ehrenamtlicher Arbeit. Die Eintritte werden
niedrigschwellig kalkuliert, eine ermöglichende Variante des Eintritts wird gesucht.
Wir laden Sie ein die Arbeit zu unterstützen. Für Fragen stehen wir unter oben genannter
Kontaktadresse gerne zur Verfügung.

Hartmut Fladt, Maß nehmen an der Maßnahme

Versuch einer Einführung in Brechts/Eislers Lehrstück
Vortrag in der Volksbühne Berlin 2008 

Ich erinnere mich noch ziemlich genau: es war das Jahr 1977, und der noch sehr junge Hanns Eisler Chor war von den Berliner Festwochen eingeladen, in der Akademie der Künste am Hanseatenweg ein Konzert mit Musik der 20er und frühen 30er Jahre zu machen. Dieses Konzert hatte dann den schönen Titel „Gegenlieder“. Selbstverständlich standen auch Werke von Eisler auf dem Programm, und als ein besonderes, heiß diskutiertes Wagnis gab es 4 Stücke aus Brecht/Eislers „Maßnahme“ – in der Originalbesetzung. Kurz zuvor war auf der ersten LP des Chors das „Ändere die Welt, sie braucht es“ in der Klavierversion eingespielt worden. Warum Wagnis? Da war das Aufführungsverbot (erst 20 Jahre später wurden Inszenierungen wieder zugelassen); das konnte, so argumentierten wir damals, ignoriert werden, da wir ja nur Einzelstücke kontextlos aufführten. Aber da waren auch die politischen Diskussionen: Linksradikales Lehrstück mit Parabel-Charakter? Frühstalinistische Zumutung mit verheerenden Konsequenzen? 

Faszinierend für alternative Chöre in der Zeit der frühen 70er, die Abschied nehmen wollten von „Opas Chorgesang“ (jetzt sind wir selber Großeltern), war  auf jeden Fall Eislers Text „Einige Ratschläge zur Einstudierung der Maßnahme“ von 1932. Ich zitiere 3 der insgesamt 8 „Ratschläge“:
„1. Vor allem muß man brechen mit einem für einen Gesangverein typischen »schönen Vortrag«. Das gefühlvolle Säuseln der Bässe, der lyrische Schmelz, man kann auch manchmal »Schmalz« sagen, der Tenöre ist für die >Maßnahme< absolut unzweckmäßig.
2. Anzustreben ist ein sehr straffes, rhythmisches, präzises Singen. Der Sänger soll sich bemühen, ausdruckslos zu singen, d. h. er soll sich nicht in die Musik einfühlen wie bei einem Liebeslied, sondern er soll seine Noten referierend bringen, wie ein Referat in einer Massenversammlung, also kalt, scharf und schneidend.
7. Jeder Sänger muß sich über den politischen Inhalt seines Gesanges völlig im klaren sein und ihn auch kritisieren.“

Was nun sollte auf diese Weise gezeigt, ver-deutlicht werden? Eisler selbst hatte für die Uraufführung im Dezember 1930 einen knappen Text entworfen: 
„Das Stück >Die Maßnahme< hat die Form einer Gerichtsverhandlung. Der Chor stellt eine Kontrollkommission dar, vor der sich vier Agitatoren zu verantworten haben, weil sie auf besondere Art bei ihrer revolutionären Tätigkeit einen Genossen verloren haben. Fünf Agitatoren der chinesischen Sowjetrepubliken haben in Süd-China agitiert, und zwar als Südchinesen verkleidet. Der jüngste von ihnen begeht eine Reihe von Fehlern, welche in einzelnen Szenen vorgeführt werden. Am Schluß gefährdet er die illegale Arbeit und kann nur noch durch freiwilligen Tod verhindern, daß die Arbeit seiner anderen Genossen nicht völlig vernichtet wird. Das Stück zeigt, daß es bei der revolutionären Tätigkeit Handlungen von solcher Schädlichkeit gibt, daß derjenige, der sie begeht, dem Proletariat eventuell nur noch durch sein Verschwinden helfen kann.“

In der Uraufführungs-Rezension der „Roten Fahne“ heißt es:
„Vier bolschewistische Agitatoren, die in China illegal gearbeitet haben, rechtfertigen sich vor dem Parteigericht. Sie mußten einen jungen chinesischen Genossen erschießen (?), weil er, trotz ehrlicher revolutionärer Begeisterung, trotz der besten Absicht, die Bewegung gefährdet hat, indem er mitleidsvoll sentimentale Regungen über die revolutionäre Erkenntnis gestellt hat. Wir halten diese ganze Konzeption für falsch und unmarxistisch. Doch darüber wird man noch mit Brecht kameradschaftlich zu sprechen haben.“ (Alfred Kemény) Brecht hat 1931 mit einigen Änderungen auf Kritikpunkte reagiert.

Ich möchte zum Kernpunkt, zum Fokus der „Maßnahme“ kommen. Da ist also jemand getötet worden. Unter scheußlichen Umständen, auf eine scheußliche Weise. Aber dieser Tod war objektiv notwendig, um ein höheres Ziel nicht zu gefährden. Und dieses Ziel ist – immerhin – die Befreiung, die Erlösung der Menschheit. Der junge Getötete war mit seiner Tötung einverstanden. Aber im Moment des Todes wurde auch er noch einmal von existentiellem Zweifel am Sinn dieses freiwilligen Opfertodes gepackt, und er rief: „Eli, Eli, lama asabthani“ – „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Bin ich jetzt in die falsche Geschichte geraten? Karfreitag war doch vorige Woche? Nein, bis auf das „Eli, Eli“ bin ich immer noch in der „Maßnahme“. Und ich hoffe, all die „christologischen“ Wurzeln der Konzeption Brechts, die viel weiter und tiefer gehen, als man es normalerweise für möglich hält, deutlich machen zu können. Und ich hoffe ebenso, zeigen und hörbar machen zu können, wie Eisler in dieser Konzeption auf Bach rekurriert, primär auf die Johannes-Passion.

Die Ritter der Intertextualität haben ja bisher immer auf Brechts Luther-Deutsch abgehoben – was völlig korrekt ist; berühmt ja auch Brechts Antwort auf eine Umfrage der Zeitschrift „Die Dame“ von 1928 nach dem für ihn stärksten literarischen Eindruck: „Sie werden lachen, die Bibel.“  Das ist verblüffend, aber noch viel zu eng. Es sind Denkfiguren, Motive, Topoi, die aus einer barbarischen Zeit vor 2000 Jahren in eine ebenso barbarische Gegenwart katapultiert wurden. Und allen Beteiligten war 1930 noch nicht klar, zu welchen vollends unbegreiflichen barbarischen Auswüchsen der deutsche Faschismus und der Stalinismus kurze Zeit später schon fähig waren. Immer, wenn ich die Maßnahme lese oder höre, verzweifle ich. So viel atemberaubend Großartiges und Tiefes, und gleichzeitig ein solcher abstrakt puristischer Rigorismus. Aber auch, wenn ich die Bergpredigt lese oder die Johannes- oder Matthäuspassion höre, verzweifle ich. Ich lese und höre die ungeheuerliche Verbrechensgeschichte des Christentums unweigerlich immer mit (und empfehle an dieser Stelle die erneute Lektüre der Publikationen von Karlheinz Deschner), so wie ich im Falle der „Maßnahme“ die ungeheuerliche Verbrechensgeschichte des Leninismus und Stalinismus mitlese und mithöre.

In den Notowicz-Gesprächen versuchte Eisler, auf der einen Seite geschichtliche Tatsachen nicht zu leugnen, andererseits sich mit einer eleganten Volte zu retten:

„N: Das ist so ein Problem. „Die Maßnahme" ist ein Werk, das zu hören sehr wichtig wäre.
E: Ja, enorm, ich bin auch sehr dafür, das zu machen.
N: Aber jetzt diese Fragestellung!               
E: Es ist ein Parabelstück.                        
N: Sie (die Fragestellung) ist doch, etwas scharf gesagt, leicht versnobt, nicht.
E: Nein, gar nicht. Leider . . . entschuldige, die Erfahrungen zeigen, das ist in keiner Weise versnobt, da die Wirklichkeit leider noch viel über die Parabel herausgegangen ist.
N: Ja schön. Ich wollte sagen, was ich meine. Wie können unsere Menschen das verstehen, junge Menschen heute? Sie können das verstehen als ein Stück Geschichte. (...)
E: Aber das ist doch eine Parabel! Dann darfst Du auch nicht die Andersen-Märchen lesen, darfst keine Parabelstücke lesen, auch von Shakespeare nicht, weil Du glaubst, das ist die . . . Das ist doch ka Gerhart Hauptmann, wo ein Mensch stirbt. Der stirbt doch gar nicht, der junge Genosse, der steht auf der Bühne .. . der wird doch nicht erschossen oder so etwas.
N: Nein, dort irrst Du.
E: Er verliert gewissermaßen sein Gesicht, wie die Chinesen gesagt haben, er verliert sein Gesicht. Das Ende ist ja doch ganz uninteressant. In Wirklichkeit soll gezeigt werden politisches Verhalten. Und das war ganz neuartige deutsche Literatur. Außerdem gehört es zu den klassischen Versen, die Brecht geschrieben hat. Dinge wie „Ändere die Welt, sie braucht es" gehören einfach zu den großen Dichtungen des Jahrhunderts und werden sehr lange dauern.“

Das Dilemma bleibt, Parabel hin, Parabel her. Das Dilemma bleibt auch in der Konstruktion des Christentums, wie ein schrecklicher Witz zeigt, den Arthur Schopenhauer gern erzählte:
"Wissen Sie schon das Neueste?" - "Nein. Was ist passiert?" - "Die Welt ist erlöst." - "Was Sie sagen." - "Ja. Der liebe Gott hat Menschengestalt angenommen und sich in Jerusalem hinrichten lassen. Dadurch ist nun die Welt erlöst und der Teufel geprellt." - "Ei, das ist ja ganz scharmant." Witz Ende.

Ungeachtet dieser nicht sehr subtilen, aber plakativen Gemeinheit möchte ich, auf den Spuren von Johannes Brahms, dem „bibelfesten Ketzer“, wie er sich selbst bezeichnete, meine christologischen und passionsmusikalischen Referenzen ausbreiten. (Dass, in der Nachfolge von Brechts Lehrstücken Der Jasager und Der Neinsager, auch Elemente des japanischen No-Theaters beteiligt sind, ist richtig; sie erscheinen aber in der Maßnahme eher marginal.) 

Wir haben den grundlegenden Topos des erlösenden Opfertods, der ja auch in anderen Kulturen weit verbreitet ist. Dann finden wir aber auch das wichtige Motiv der „Auslöschung“. Wir hören endlich ein Klangbeispiel.

TRACK 1         DIE AUSLÖSCHUNG (1’39’’)

Was, um Himmels willen, ist daran biblisches Motiv (biblische Sprache ist ja allgegenwärtig, z.B. „...also zu verstecken den Lebenden und den Toten...“)? Zwei Blicke ins „Matthäus-Evangelium“: Die Jünger sind aufgefordert, alles aufzugeben, auch ihre Identität. „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst... Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren.“ Und Christus dringt für sich selbst auf solche „Auslöschung“, im Dienste der Idee, des Erlösungswerks: „Da bedrohte er seine Jünger, dass sie niemand sagen sollten, dass er Christus wäre.“

Nächster Punkt: da haben wir den berühmten Bergpredigt-Topos der Dialektik von Erniedrigung und Selbst-Erniedrigung und eschatologischer Erhöhung. „Wer den Verzweifelten hilft, der gilt als Abschaum der Welt.“ – „ Zu verkünden die Botschaft den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie befreit sein sollen (...) und den Zerschlagenen, dass sie unabhängig und ohne Unterdrückung sein sollen.“ – „ Auf unserer Stirne steht, dass wir gegen die Ausbeutung sind.“ Was war Lukas 4, was war die „Maßnahme“, was Matthäus? „Alsdann werden sie euch überantworten (...) und werden euch töten. Und ihr werdet gehasst werden.“ –„Wir dürfen nicht gefunden werden.“ – „Dann werden viele der Anfechtung erliegen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen.“ Hier mischte sich die „Maßnahme“ mit Matthäus.

Wir kommen zum „Song von der Ware“. Ich möchte ihn nicht analysieren – das geschieht nachher durch Tobias Fasshauer, den exzellenten Kenner des Song-Stils bei Weill und Eisler. Aber wenn Sie dieses „Leiblied“ des Händlers jetzt hören, dann denken Sie an Jesus und ein weiteres biblisches Motiv: „Und er ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer und stieß um der Geldwechsler Tische. ... Ihr macht eine Räuberhöhle draus.“ Um Schopenhauer zu paraphrasieren: die Welt als Ware und Verstellung. Auch der Mensch ist Ware: ich weiß nicht, was ein Mensch ist. Ich kenne nur seinen Preis.

TRACK 2        SONG VON DER WARE  (bis 1’30’’)

Diesem Song geht das „Lied des Händlers“ voraus. Das möchte ich als ein erstes Beispiel dafür nehmen, wie Eisler strukturelle und formale Vorgaben aus Arien von J.S.Bach, z.B. aus der Johannespassion, übernimmt, aber selbstverständlich individualisiert. In den Arien wird bei Bach gleichsam die Zeit angehalten, wird die erzählte Geschichte unterbrochen; die Arien repräsentieren den Typus der lyrisch-innerlichen Reflexion, des subjektivierten Nachdenkens, und zwar im riesigen Zeitensprung, in der neugedichteten Sprache aus Bachs Gegenwart. Und die Arien beginnen in der Regel mit einem instrumentalen Ritornell, also einem wiederkehrenden Teil, der auch Grundlage für die Gestaltung der Singstimme ist. Ein solches Ritornell hat ein oder zwei konzertierende Instrumente über dem sogenannten Generalbass, also akkordisches Tasteninstrument plus Bass-Stimme, in unserem Falle Orgel plus Fagott. Wir hören, aus der Johannespassion, „Von den Stricken meiner Sünden“, von einem männlichen Altus gesungen; die beiden konzertierenden Instrumente sind 2 Oboen.

TRACK 3        VON DEN STRICKEN MEINER SÜNDEN (bis 1’08’’, Kadenz)

Eisler charakterisiert nun den Händler mit einer pervertierten Arie. Wir hören ins Ritornell hinein.

TRACK 4        LIED DES HÄNDLERS (38’’; PAUSE drücken)

Der Generalbass ist da – das Klavier; die konzertierenden Instrumente auch, Trompete und Posaune, allem Feierlichen Hohn sprechend, gestopft, Wah-Wah-Dämpfer, Flatterzunge – eine Groteske. Wir hören weiter: der Händler übernimmt ganz regelgerecht das Motiv der Trompete, und die beiden Instrumente haben „konzertierende“ Kontrapunkte zur Stimme. Dass Eisler den formalen Typus der da-capo-Arie nicht einfach reproduziert, versteht sich von selbst. Er wird überlagert von Prinzipien des variierten Strophenliedes.

TRACK 4         LIED DES HÄNDLERS (FORTSETZUNG) (38’’-1’27’’)

Brecht und Eisler rühmten ja Bach als Urvater des epischen, gestischen  Komponierens. Und auch da war besonders die Johannespassion beispielgebend. Ich zitiere aus den Bunge-Gesprächen:

„Sie wissen, die Theorie der gestischen Musik geht bei Brecht in seine Jugend zurück. »Das Gestische« ist ja eine der genialen Entdeckungen von Brecht. Er hat das genauso entdeckt, wie der Einstein zum Beispiel die berühmte Formel. Das war ja da. Die große Literatur von Homer bis Shakespeare und darüber hinaus: wo die Literatur groß ist, ist die Sprache gestisch. Wo Musik groß ist, zum Beispiel bei Bach, ist sie gestisch. Damit meint Brecht einfach, daß Musik mitproduziert das Verhalten des Sängers und des Zuhörers.
 (...) Über den Begriff des Gestischen in der Musik kann ich Ihnen in einem solchen Gespräch nicht genügend aussagen. Das müßte praktisch vorgezeigt werden.
Zum Beispiel: Ich spielte Brecht immer wieder vor — auf seinen Wunsch — das Rezitativ aus der Johannespassion des Evangelisten. (...) »Jesus ging mit seinen Jüngern über den Bach Kidron. Da war ein Garten. Darein ging Jesus und seine Jünger.« Hier wird also die Bibel so erzählt. Übrigens: der Tenor ist so hoch gesetzt (...) Ausdruck ist unmöglich, also Schwulst, Gefühlsüberschwang. Es wird referiert.
Das heißt, es wird auch das Zeigen des Vorlesers mitgebracht. (...) »Jesus ging mit seinen Jüngern über den Bach Kidron.« Also die Lokalität des Baches wird genau bezeichnet. Das empfand Brecht als ein Musterbeispiel gestischer Musik.“
Wir hören das jetzt. 

TRACK 5        JESUS GING MIT SEINEN JÜNGERN

Welche Ebenen mischen sich hier, wie ist Distanz, Verfremdung gemacht (darf man das bei Bach überhaupt sagen?), wie ist dennoch die Ebene des emotionalen Angerührtseins nie ausgeschaltet? Der Evangelist referiert und erzählt. Jesus hat, wie zuvor und später andere agierende Subjekte der Handlung auch, eine gesungene wörtliche Rede: Tribut an die Gattung Oper. Vielfältig die Rolle des Chores: er ist hier Agierender, eine unmittelbar und hitzig ins Geschehen eingreifende „Schar“; das gilt auch später für die sogenannten „Turba“-Chöre der großen Pilatus-Szene und im Umfeld der Kreuzigung. Der „Chor“ kann aber auch, im Gegenteil, als ein Kommentierender, als ein Verkündender der subjektiv-allgemeinen und der objektivierten Wahrheit eingesetzt werden. 

Wie knüpft Eisler in der „Maßnahme“ an solchen Verfahrensweisen an? Mir geht es in erster Linie darum, was Eisler strukturell von Bach gelernt hat, und erst in zweiter Linie darum, was er von Bach übernommen hat – in Melodik, Harmonik, in musikalischen Gesten, Tonfällen; das gibt es aber auch, und ich möchte es ebenfalls demonstrieren.

Zunächst noch ein wenig weiter aus den Bunge-Gesprächen:
„Sie können genau solche Beispiele finden aus Monteverdi oder aus der ältesten Kirchenmusik. Ich muß übrigens daran erinnern, wenn sich dafür jemand interessiert — ich glaube zwar, ich rede hier für Hörer in hundert, zweihundertfünfzig Jahren —, bei Hegel nachzulesen in seiner Ästhetik über den Begriff der Objektivität und der Subjektivität in der Musik. Wobei er zum Beispiel unterscheidet: Ein »cruzifixus est« ist in gewissen Messen deswegen objektiv komponiert, weil der Vorgang als solcher dargestellt ist. (Er wird dem Zuhörer vorgemacht — der Kreuztod.) Dagegen: Subjektivität in der Musik ist, wenn der Hörer mitempfindet. Nun, das sind gewiß Feinheiten. Aber wir Marxisten lieben ja Feinheiten. Es hat sich nur bei unsern Marxisten nicht immer herumgesprochen.“ 

Die „Objektivität“ gerade des symbolischen Komponierens schließt das Gefühl nicht aus, löst es aber von den Unmittelbarkeiten des Mitfühlens und Mitleidens in der Richtung einer „vernunftbegründeten Empathie“. Und da haben wir gerade im Passions-Tonfall mancher Partien der „Maßnahme“ wunderbare Vorbilder bei Bach. Schon in der orchestralen Introduktion komponierte Eisler eine verblüffende Allusion des Eingangschors der „Matthäuspassion“, sogar in identischer Tonart. Ich möchte am Schluss des Vortrags auf Gemeinsamkeiten von „Ändere die Welt, sie braucht es“ und dem zentralen Choral „Christus der uns selig macht“ aus der „Johannespassion“ aufmerksam machen. 

Aber zunächst einmal: wie werden Prinzipien des Ineinandergreifens verschiedener Ebenen, Perspektiven, Erzählweisen, Haltungen/Gesten, Zeitebenen bei Eisler realisiert? Ich habe die Episode „Der Stein“ ausgewählt. Wir hören hinein. 

TRACK 6         DER STEIN (3’15’’)

Zur Erinnerung: bei Bach finden wir den epischen, gestisch erzählenden Bericht des Evangelisten, wir finden fünf dramatisch agierende Subjekte mit Rede und Gegenrede; es gibt den Chor als hitzig agierende Menge; aber es gibt ebenso das aus-der-Zeit-Treten der Arien und Ariosi mit der Funktion lyrischer Reflexion – mit der Sprache und aus der Perspektive der unmittelbaren Gegenwart Bachs; ähnlich gegenwartsorientiert auch die anderen Funktionen des Chors, die das subjektiv-Allgemeine oder das objektiv Gültige repräsentieren, sei es in Eingangs- oder Schlusschören oder den zahlreichen interpolierten Chorälen. Bachs „Gemeinde“ tradiert den biblischen „Ecclesia-Topos“, und in der „Maßnahme“-Konzeption wächst diese Rolle dem Kontrollchor zu, der „Partei“. 

Von sehr ähnlichen Gesamtkonstellationen gehen nun auch Brecht und Eisler aus, nur: diese Vielfalt der Ebenen wird noch einmal gebrochen und reflektiert durch die große Meta-Ebene der a-posteriori-Darstellung von Aktionen, Haltungen, Gefühlen, Konflikten, Widersprüchen; all das wird verhandelt, diskutiert, bewertet. 
Uns begegnet also ein Lehrstück als, paradox formuliert, Darstellung einer kritischen Verhandlung von Darzustellendem und Dargestelltem. Wunderbar bleibt, wie, trotz aller gebrochenen Verfremdung, sich auf eine ganz besondere Weise immer wieder der Zauber der theatralischen und musikalischen Unmittelbarkeit einstellt – die Imagination der kahnschleppenden Kulis ist für mich, dank der Musik, viel eindringlicher als jede naturalistische Szene. Und der Chor mit seinem „Zieht rascher, die Mäuler warten auf das Essen“ ist, in der Konstruktion Brechts, Kommentar von außen, aber Eisler bringt zu dieser Kommentar-Funktion gleichzeitig noch den Gestus der unmittelbar eingreifenden Aktion. Das „Zeigen“ und die Bach’sche „vernunftbegründete Empathie“ ergänzen sich hier zu einer neuen Qualität.
 
An dieser Stelle möchte ich noch eine kleine Interpolierung in der Richtung machen, dass ich die Vielfalt der eingesetzten musikalischen Mittel zusammenfasse. Worauf Eisler strikt verzichtet, ist, im musikalischen Material, der Rekurs auf die – ja auch bei ihm selbst zuvor entwickelten – „avantgardistischen“ Konstellationen wie die Zwölftontechnik. Die Musik ist dur-moll-tonal, mit Rückverweisen auf Bach und die Wiener Klassik, primär aber modal mit emanzipierten Dissonanzen. Neu aber sind die Verfahrensweisen von Schnitt und Montage, wodurch disparateste Elemente erkenntnisträchtig aufeinanderprallen, ineinander geraten: der AgitProp-Chor und die verfremdete Arie, schlagzeugbegleiteter Sprechchor und Choraltypus, Kampflied und Rezitativ/Arioso, Ballade bzw. Song-Typus mit U-Musik und Jazz-Elementen und Bach’scher Kontrapunkt, primär der Typus der 3stimmigen Invention und der Triosonatensatz mit verfremdetem „Generalbass“. (Das war jetzt fürs gute musiktheoretische und musikwissenschaftliche Gewissen.)

Zum Abschluss möchte ich das von Eisler in den Bunge-Gesprächen ja so gerühmte „Ändere die Welt, sie braucht es“ untersuchen. Hier wird auf Strenge, auf Allgemeingültigkeit gezielt, auf die große Aussage, die eine objektivierte Trauer mit reflektierter Gesetzmäßigkeit verbindet. Und da bietet sich als Referenzebene der große mollare Passionschoral Johann Sebastian Bachs an. Übrigens knüpft Eisler ein Jahr später in der Musik zur „Mutter“ genau da noch einmal an, und zwar in der „Grabrede“. Warum Trauer, warum nicht Kampfes- und Siegesgewissheit? Wieder greift die christologische Dialektik von Erniedrigung und Selbsterniedrigung und eschatologischer Erhöhung und Erlösungs-Gewissheit (ich weiß, dass mir viele Strenggläubige beider Glaubensrichtungen den Begriff „eschatologisch“ in diesem Kontext übel nehmen; ich kann damit leben). „Welche Niedrigkeit begingst du nicht, um die Niedrigkeit auszutilgen? Versinke in Schmutz, umarme den Schlächter, aber ändere die Welt, sie braucht es! Wer bist du?“ Wir hören den Beginn von „Ändere die Welt“.

TRACK 7        ÄNDERE DIE WELT, SIE BRAUCHT ES (57’’)

Ich möchte nun auf den Choral „Christus, der uns selig macht“ verweisen, der im Zentrum der Johannespassion steht. Auch, wenn ich nicht weiß, ob hier ein bewusstes Anknüpfen Eislers vorliegt: Tonfall, Haltung, die objektivierte Trauer sind erstaunlich ähnlich (übrigens ist es für Phänomene der Intertextualität gar nicht notwendig, dass planmäßig zitiert oder alludiert wird; Eisler hat den Choral sowohl als Bestandteil der Passion oft rezipiert als auch im Tonsatz- und Analyseunterricht bei Arnold Schönberg kennen gelernt). Achten Sie beim Hören nun auf melodische Gesten: sie sind deszendent-trauernd, wie bei Eisler, und sie sind im phrygischen Modus, also der alten Leidens- und Trauer-Tonart. Und der Text? „Fälschlich verklagt, verlacht, verhöhnt und verspeit“ – und diese Erniedrigung und Selbsterniedrigung ist die Basis der Erlösung.
TRACK 8        CHRISTUS, DER UNS SELIG MACHT (1’02’’) 

Wir hören jetzt noch einmal „Ändere die Welt, sie braucht es“, ganz.

TRACK 7       ÄNDERE DIE WELT, SIE BRAUCHT ES (2’35’’) 

Der geopferte Jesus Christus, Judas (dessen „Verrat“ ja das Christentum überhaupt erst ermöglichte, und der mit Selbstmord büßte), Petrus, Pilatus, „die Jüden“ – arme willenlose Marionetten im göttlichen Heilsplan, kodifiziert im Neuen Testament?
Der geopferte junge Genosse, die 4 Agitatoren, der Kontrollchor, „die Partei“ – arme willenlose Marionetten im Heilsplan historisch-materialistischer dialektischer Gesetzmäßigkeit, kodifiziert bei „den Klassikern“?
Wie weit entfernt oder wie nah sind die Rechtfertigungs-Strategien von Opferung und Selbstopferung im Dienste der „Sache“, der „Idee“ im gegenwärtigen radikalisierten Islamismus? Welcher Heilsplan ist da wo kodifiziert?

Es fällt mit schwer, diese Gedanken konsequent zu Ende zu denken; aber ich fürchte, das muss sein. Doch nicht mehr heute.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.